why your revolution is no liberation!
no-liberation-reader.tk
Wir richten uns mit diesem Reader gegen die aktuell vorherrschenden Analysen der Antiglobalisierungsbewegung, die sich im weitesten Sinne als links und antikapitalistisch artikulieren, und dabei immer wieder lauthals herausposaunen, eine andere Welt sei möglich. Wir haben ernsthafte Zweifel, dass diese andere Welt besser verfasst sein wird, als gegenwärtig. Und die Antiglobalisierungsbewegung ist derzeit keineswegs marginalisiert, sondern erfreut sich einer breiten Sympathie, die über die bürgerliche Linke bis in die so genannte Mitte der Gesellschaft herein reicht und auch von Neonazis geteilt wird.
Die Antiglobalisierungsbewegung ist - wie von den ProtagonistInnen spätestens betont wird, wenn Kritik droht - eine heterogene Bewegung, in der sich viele Gruppen und Individuen auf einen Minimalkonsens verständigen. Bei den Gegenaktivitäten zum diesjährigen G8 Gipfel dürfte dieser Konsens jedenfalls darin bestehen, dass die sich treffenden Regierungschefs böse und die Demonstranten und Aktivisten auf der anderen Seite des Zauns die Guten sind. In den letzten Jahren wurde sich- ausdrücklich oder implizit - auf einen weiteren Konsens verständigt: Die Gegnerschaft zu den USA und Israel sowie eine strukturell antisemitische Kapitalismuskritik.
In der Abschlusserklärung des Weltsozialforums von Porto Alegre wurde der Solidarität mit dem "palästinensischen Volk" Ausdruck verliehen - kein Wort von Selbstmordanschlägen oder islamischem Antisemitismus. Auf dem Europäischen Sozialforum in Paris bot man dem Islamisten und Antisemiten Tariq Ramadan breitwillig ein Podium, während Aktivisten, die in einem Flugblatt den Antisemitismus der Antiglobalisierungsbewegung kritisierten, angegriffen und des Forums verwiesen wurden. Beim EU-Gipfel in Kopenhagen forderte die dänische Gruppe "Globale Wurzeln" den Boykott Israels, die Ordner trugen Shirts mit der Aufschrift "Burn Israel Burn". Der italienische Globalisierungskritiker Alfonso de Vito verglich im Rahmen von Attac Veranstaltungen in Deutschland die Politik Israels gegenüber den Palästinensern mit der Räumung des Warschauer Ghettos. Noam Chomski, der in den Aussagen Robert Faurissons, der Holocaust sei eine zionistische Lüge, keinen Antisemitismus entdecken kann, verfasste zuletzt im Sommer 2006 ein "Manifest", nach dem Israel die Schuld am Überfall der Hisbollah auf den Norden Israels trage, mit dem Ziel, den palästinensischen Staat zu liquidieren. Dieser dümmliche Schrieb, der nicht nur die Tatsache ignoriert, dass es keine palästinensischen Staat gibt, sondern auch den Abzug Israels aus dem Gaza-Streifen und die anschließend beginnende Terror-Offensive der Palästinenser nicht zur Kenntnis nimmt, wurde prompt von anderen Idolen der Antiglobalisierungsbewegung unterzeichnet: Naomi Klein, Jose Saramago, Arundhati Roy u.a.. Letztere fiel zuletzt vor allem durch ihre völlig falsche Kapitalismusanalyse, in der die Globalisierung - gleichgesetzt mit Imperialismus - als eine Verschwörung von "Männern in Anzügen" - Amerikanern versteht sich - begriffen wird, die "wie Heuschrecken durch die Länder ziehen". Nicht zu vergessen der Heilsbringer und Staatschef der No-Globals Hugo Chavez, enger Verbündeter des iranischen Mullahregime, das derzeit emsig an der atomaren Zerstörung Israels arbeitet und als internationale Galionsfigur des Vernichtungsantisemitismus seinen Ministerpräsidenten vor sich her trägt.
Warum der Hass auf Israel und die Juden? Bei jedem Anschlag auf eine Synagoge wird Israels vermeintlich unverhältnismäßige Militärpolitik als Grund für die Attacke zumindest angedacht. Ein Angriff auf eine Moschee oder einen afrikanischen Einwanderer in Europa wurde dagegen noch nie mit dem Hinweis auf die Politik der muslimischen oder afrikanischen Staaten gerechtfertigt. Warum die Personalisierung des Kapitalverhältnisses? Es sollte seit Marx bekannt sein, dass Kapitalismus keine von einer Handvoll "Männern in Anzügen" inszenierte Veranstaltung, sondern ein totales gesellschaftliches Verhältnis ist. Wir wollen mit diesem Reader dazu beitragen, dass mit diesen Erkenntnisse eine radikale Kritik formuliert werden kann.
In der Analyse der Kapitalverhältnisse gib es keine Pluralität an Gefühlsregungen, die Dinge so der oder so zu verstehen. Kapitalismus ist absoluter Zwang, und die Verdinglichung der Subjekte nicht der böse Wille der viel zitierten "Bonzen". Die Losung den Kapitalismus abschaffen zu wollen, bedarf einer fundierten Kritik, die ihre Trennschärfe nur durch ihren Blick auf die Gesamtheit der Verhältnisse entfaltet. Zwischen lokalen Handwerksbetrieben, der Deutschen Bank und DaimlerChrysler bestehen nur auf den ersten Blick wesentliche Unterschiede. Alle folgen dem gleichen Prinzip, der kapitalistischen Wertschöpfung, sie unterscheiden sich lediglich in ihrem wirtschaftlichen Erfolg und den dadurch resultierenden Einflussmöglichkeiten. Eine auf die big players beschränkte Kritik des Kapitalismus geht an der Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse vorbei und verschleiert diese vielmehr noch, indem sie einen konkreten Sündenbock präsentiert, der auch als Gegenstand für die Gewalt der antikapitalistischen Revolte taugt. Das Wesen des Kapitalismus als abstraktes und totales gesellschaftliches Verhältnis wird hinter der falschen Konkretisierung verborgen und damit auch einer grundsätzlichen, radikalen Kritik entzogen. Mit der Personalisierung kapitalistischer Vergesellschaftung, wie sie all zu gerne von den Leuten der Antiglobalsiserung betreiben wird, wird zudem die Struktur des modernen Antisemitismus geschaffen: Wert, Geld und Handel als abstrakte, heimatlose und ausbeuterische Formen werden bestimmten Personen zugeschrieben: Bankiers, Bonzen, Kapitalisten. Der Schritt zur Konkretisierung des Antisemitismus, zum Juden, ist dann nur ein kleiner, den die meisten Globalisierungskritiker bisher nicht vollziehen. Aber die Assoziation liegt aufgrund der seit dem Mittelalter tradierten Vorurteile, der Jude sei ein heimatloser Krämer, Wucherer und Ausbeuter, so offen auf der Hand, dass sie vielfach nicht ausgesprochen werden muss. Die Nationalsozialisten taten es und begründeten mit dem Kampf gegen das "raffende" jüdische Kapital die Ermordung von sechs Millionen Menschen in einem industriell organisierten Verfahren. Vom Standpunkt einer falschen Kapitalismuskritik, die bei der Kritik der abstrakten Seite kapitalistischer Wertschöpfung stehen bleibt und diese in Gestalt von Banken, Kapitalisten, Großkonzernen - in dieser Denkart also die Juden - angreift, ist dies nur folgerichtig.
Die antikapitalistische Revolte gegen die abgespaltene, abstrakte Seite kapitalistischer Wertschöpfung ist damit strukturell antisemitisch. Das Pogrom ist bereits angelegt. So deprimierend es auch sein mag, antikapitalistische Kritik muss stets auf das Ganze zielen und die Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse im Blick behalten. In diesen sind Kapitalisten nichts anderes als eine andere Form der Arbeiter, nicht besser, nicht schlechter. Natürlich soll die Existenz von Klassen und die ihnen immanenten Herrschaftsverhältnisse damit nicht negiert werden, nur tragen sie alle gemeinsam zum Fortbestehen des Systems bei. Jede und jeder ist, unabhängig vom Einkommen und den wirtschaftlichen Verhältnissen in denen er oder sie lebt, lediglich ein Rädchen im Getriebe. Es gibt kein Entkommen: nicht durch den Einkauf bei einer lokalen Kooperative statt bei H&M, nicht durch autonome Suppenküchen anstelle von McDonalds. Mit diesem Themenfeld Anti-G8 Mobilisierung und Antisemitismus wird sich unserer Gast-Referent Stephan Grigat vom CafeCritique Wien, schwerpunktmäßig beschäftigen. Es ist unser Anliegen, mit dieser Veranstaltung und dem in diesem Kontext vorzustellenden Reader "Why your revolution is no liberation" dem vielfach propagierten Praxisdiktat bei einem "Großevent" zu widerstehen und an den Beginn einer viel zitierten gesellschaftlichen Veränderung das Primat des geistigen Begreifen zusetzten. Diese Veranstaltung ist der Auftakt einer bundesweiten Vortrags- und Diskursreihe, deren gemeinsamer roter Faden in der kritischen Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Anti-G8-Bewegung liegt.